Auktion 572

Weihnachtsauktion 2022, 10. Dezember 2022

10. Dezember 2022 um 10:00

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Vorbericht



Die Sammlung des Kunsthändlers
Georg Urban
1928 Pfarrkirchen - 2022 München
 
Die Provenienzangabe "Georg Urban-München" findet sich noch heute in bedeutenden
weltweiten Sammlungen und gilt sozusagen als ein Ritterschlag, oder besser als ein "Pedigree" -
wie es der legendäre Galerist Alfred Flechtheim bezeichnete - unter der Kennerschaft der Sammler.
Geboren und aufgewachsen im schönen niederbayerischen Rottal in der Stadt Pfarrkirchen.
Seine Eltern hatten eine Landwirtschaft und sein Vater handelte begeistert nebenbei auch mit Rössern.
War doch das Rottal einst das Land der Bauern und Rösser - bevor die Heilbäder kamen.
Mit seiner Großmutter durfte er schon als Kind auf den "Gartlberg" hinaufsteigen, zu jener
kleinen berühmten Wallfahrtskirche oberhalb von Pfarrkirchen und bestaunte dort die wunderschönen Altäre und das berühmte Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes. Dies alles hinterließ einen tiefen Eindruck auf den Buben und von da an so erzählte Georg Urban, ließ ihn die sakrale Kunst nicht mehr los.
 
Mit gerade einmal 20 Jahren eröffnete Georg Urban mutig, kurz nach der Währungsreform in seiner Heimatstadt Pfarrkirchen seinen Kunsthandel.
 
Alles hat er sich von der Pike auf selbst beigebracht, ohne jegliche elterliche Unterstützung.
Viele Jahre später musste er für eine fünfköpfige Familie sorgen und war zu damaliger Zeit mit einem Goggomobil landauf landab unterwegs. Viel Handel betrieb er mit den Bauern aus dem Rottal - einer eigenen Rasse wie er oft erzählte - die ihm oft noch zusätzlich zum Kauf einer Heiligenfigur ein Stücker'l Geräuchertes mit auf den Weg gaben.
 
Stets hat er seine Kunstwerke nicht nur als Ware angesehen, sondern vermochte auch deren "Seele" zu erfühlen, nämlich genau diese jene Seele, die der Bildhauer in seiner Zeit in seine Werke legte. Denn schließlich wurden alle religiösen Plastiken, Engel, Heilige, Madonnen von den Bildhauern nicht als reine Schnitzerei gearbeitet, sondern es wurde ihnen ein Geist und eine göttliche Seele eingehaucht.
Denn jedes Kunstwerk trägt etwas Einmaliges in sich sagte Urban und wenn er eine Skulptur berühre oder ansah, spüre er den Geist des Künstlers. Das war schon immer so. 
 
Auf der Rückseite des Hotels Bayerischer Hof, in der Münchner Prannerstraße unterhielt Georg Urban über viele Jahrzehnte hinweg sein Ladengeschäft wie eine barocke Schatzkammer. Pünktlich jeden Tag um 10 Uhr sperrte er diese "Welt der Wunder" auf. Eine besondere Welt war dies, mit Vitrinen voller Kostbarkeiten, Krippenfiguren, Schnitzereien, Skulpturen stehend, oder gesockelt, mit ganzen Heerscharen von Engeln und Putti an den Wänden. Hinten am Schreibtisch saß er, stets elegant im Trachtenjanker oder mit einer Steirer Joppe gekleidet, freundlich lächelnd. Der leicht durch den Laden wabernde Weihrauchduft gehörte zu ihm und zu seinen Engerl'n, genauso wie die oft aus der Jackentasche gezogene Schnupftabakdose.
 
Persönliche Sammlerbesuche waren für ihn stets eine Selbstverständlichkeit und er sah es als ein Geschenk des Himmels an, erzählte er oft, dass er in langen Jahren als Kunsthändler nicht einmal ein "Stücker' l" gekauft hatte, das nicht aus der Zeit war, geschweige denn eines zurückbekam, weil vielleicht ein Sammler damit unzufrieden war.
 
Ihn faszinierten immer wieder die Begabungen der Künstler. 
In einem alteingesessenen Münchner Auktionshaus erwarb er seinerzeit drei Ignaz Günther Engel, zwei Mädchen und einen Jungen. Er erkannte und fühlte sofort anhand des Ausdrucks und der ganzen Körperlichkeit, dass der Künstler hier seine eigenen Kinder porträtierte. 
 
Bei einem Altar, den er vor über 30 Jahren in einem Auktionshaus im Keller gefunden hatte
wusste er sofort, mit unbestechlichem Kennerblick wo er herstammte, nämlich aus St. Pauls bei Eppan in Südtirol aus dem Kronshof. Urban erwarb ihn und bot ihn dem Pfarrer von St. Pauls an.
Zur Besichtigung dieser Kostbarkeit kamen extra 32 Obstbauern aus Südtirol angereist und Urban empfing Sie in seiner Münchner Wohnung mit einem Weißwurst-Essen.
Die Obstbauern waren sehr traurig, dass sie das Geld für den Altar nicht aufbringen konnten.
Doch wie durch einen "Fingerzeig des Himmels" war auch eine Kunsthistorikerin vom Stadtmuseum in Bozen mit dabei. Das Museum kaufte schließlich den Altar und er ist noch heute dort zu bewundern. Georg Urban rettete zahlreiche Kunstwerke vor dem Verfall, die heute wieder in Museen und Kirchen zu bestaunen sind, denn in der Zeit der Säkularisation wurden ganze Kircheninventare samt Gemälden, Skulpturen und anderen sakralen Kunstwerken zerstört.
 
Voller Stolz betonte er immer: "Ich darf in jedes Haus rein, wo ich etwas gekauft habe und wo ich etwas verkauft habe." Stets war er für seine Kunden nicht nur Händler, sondern ebenso Freund und Berater und im Laufe seines langen Händlerlebens haben sich zahlreiche Freundschaften durch die Liebe zur Kunst und die Sammelleidenschaft entwickelt.
 
Betritt man das Atrium des erst kürzlich wieder neu eröffneten wunderbaren Diözesanmuseums in Freising kann man dort in großen Lettern lesen:
" Timor Domini Principium Sapientiae" -
"Die Ehrfurcht vor dem Herrn ist der Beginn der Weisheit."
 
Georg Urban hatte sie und sie machte ihn zu einem besonders liebevollen Menschen, der
stets ein Herz hatte, für Menschen, die nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens standen.
 
Ich kannte ihn gut den "Grandseigneur" des Münchner Kunsthandels und er schenkte mir einmal, als ich noch ein Bub war, eine kleine Muttergottes aus Silber. Sie hängt heute an meinem Schlüsselbund, mit dem ich täglich mein Geschäft am Dreifaltigkeitsplatz in Landshut aufschließe. Um 10 Uhr natürlich.
 
A.M.R