Chronos stutzt Amor die Flügel

Aphrodite gibt den aufgeregten Knaben Cupido an den alten Gott der Zeit zurück.
Schreiend bemerkt der göttliche Knabe der immer jungen Liebe einen Irrtum:
normalerweise, so scheint es, lässt die frische Verliebtheit die ZEIT verblassen. Doch
hier muss der junge Gott einsehen, dass schlussendlich die ZEIT den Sieg davonträgt –
und so stutzt Chronos selbst dem Amor die Flügel. Und ebenso schreiend wie der aufgebrachte
Kindgott stieben der Schwan und die Schwänin auseinander, beide als tierhafte Attribute der Aphrodite die Vereinigung der Liebenden symbolisierend.
In ihrem traurigen Verzicht gleicht die Liebesgöttin der Marschallin Hugo von Hofmannsthals im ROSENKAVALIER, als sie in ihrer reifen Überlegenheit ihren jungen Liebhaber Oktavian ziehen lässt:

MARSCHALLIN

Da geht er hin, der aufgeblasne schlechte Kerl, und kriegt das hübsche junge Ding und einen Pinkel Geld dazu.

Als müsst’s so sein. Und bildet sich noch ein, dass er es ist, der sich was vergibt. Was erzürn’ ich mich denn? ‘s ist doch der Lauf der Welt. Kann mich auch an ein Mädel erinnern, die frisch aus dem Kloster ist in den heiligen Ehstand kommandiert word’n. (nimmt den Handspiegel)

Wo ist die jetzt? Ja, such’ dir den Schnee vom vergangenen Jahr! Das sag’ ich so:

Aber wie kann das wirklich sein, dass ich die kleine Resi war und dass ich auch einmal die alte Frau sein werd ? Die alte Frau, die alte Marschallin! »Siegst es, da geht die alte Fürstin Resi!« Wie kann denn das geschehn? Wie macht denn das der liebe Gott? Wo ich doch immer die gleiche bin. Und wenn er’s schon so machen muss, warum lasst er mich zuschaun dabei mit gar so klarem Sinn! Warum versteckt er’s nicht vor mir? Das alles ist geheim, so viel geheim.

Und man ist dazu da, dass man’s ertragt.

UND IN DEM »WIE« – DA LIEGT DER GANZE UNTERSCHIED.

Jakob Wünsch, Degendorf, Mythenforscher